Redebeitrag Petra Enders aus Anlass der Ehrung der Märzgefallenen am 18. März 2012 auf den Friedhof in Arnstadt (Ehrenmal der Märzgefallenen)

Liebe Freundinnen und Freunde,
Liebe Genossinnen und Genossen,

ich finde es ist eine sehr gute Tradition der Linken in unserem Kreis, der Märzgefallenen aus dem Jahr 1920 zu gedenken. Hier in Arnstadt an diesem Ehrenmal und dann noch in Gräfenroda und Frankenhain.

Der Blick zurück in jene Zeit, ist notwendig, weil er auch Lehren für  Gegenwart und Zukunft offenbart.

1920, unmittelbar nach dem Ende des 1. Weltkrieges, der gescheiterten Novemberrevolution und der gerade erst gegründeten Weimarer Republik, musste die damalige deutsche Regierung, eine Koalition aus SPD, Zentrum und DDP (einer linksliberalen Partei), den Vertrag von Versailles akzeptieren. Dieser sah u.a. vor, die Reichswehr einschließlich derer Freiwilligenverbände kurzfristig zu reduzieren.
Führende Militärs forderten den Reichspräsidenten Ebert auf, die Truppe zu erhalten. Aber nicht nur das. Sie stellten ein Ultimatum: Auflösung der Nationalversammlung und Neuwahl zum Reichstag. Das Ultimatum wurde abgelehnt.
Darauf hin kam es am 13. März zum Militärputsch.
Der General Walter von Lüttwitz marschiert mit seinen Truppen in Berlin ein. Besetzt das Regierungsviertel. Die Regierung unter Reichskanzler Gustav Bauer flieht vor ihrer drohenden Gefangennahme nach Dresden, wenig später nach Stuttgart.
Die Putschisten machen Wolfgang Kapp zum Reichskanzler, dieser erklärt die Nationalversammlung für aufgelöst.

Bereits am Montag danach stoßen die Putschisten auf entschlossenen Widerstand - Generalstreik.
Dem Generalstreik setzen die Putschisten sofort militärische Gewalt entgegen. Die Auseinandersetzungen eskalieren. Die „Regierung Kapp“ gibt am Abend des 17. März ihren Rücktritt bekannt. General von Lüttwitz macht weiter. Es kommt zu blutigen Zusammenstößen zwischen Putschisten und Zivilisten.


In Berlin kehrt am 23 März wieder Alltag ein.
Kapp flieht nach Ostpreußen, später nach Schweden. 1922 kehrt er nach Deutschland zurück. Stirbt, bevor er zur Rechenschaft gezogen werden kann.
Lüttwitz flieht nach Ungarn. Als er nach Deutschland zurückkehrt, wird er nicht nur nicht angeklagt, sondern erhält rückwirkend vom Datum des Putsches an seine Pension ausbezahlt.

Thüringen, liebe Genossinnen und Genossen, war neben dem rheinisch - westfälischen Industrierevier eine der Hochburgen der Auseinandersetzungen zwischen den Verteidigern und Feinden der Demokratie.
Bei den Kämpfen bzw. den unmittelbar anschließenden, gegen die vielerorts mobilisierten Arbeiter gerichteten Repressivmaßnahmen kamen etwa 250 Menschen gewaltsam zu Tode. Ihnen gilt heute unser Gedenken.

In Thüringen gab es eine gut organisierte und hoch motivierte Arbeiterbewegung. Politisch geführt von der USPD und in den meisten Regionen auch in Konfrontation zur SPD.
In Gotha setzte der Generalstreik bereits am 13. März ein. Noch eher als in Berlin. USPD und KPD bildeten einen „Vollzugsrat“. Es wurde eine Arbeiterwehr gebildet. In einem Aufruf wandte sich der Vollzugsrat nicht nur gegen die Berliner Militärdiktatur von Kapp und Lüttwitz, sondern stellte auch klar, dass sie ihren Widerstand gegen die Putschisten nicht wegen Ebert, Bauer und Genossen getreten sind, sondern wörtlich: „Es gilt, dem Sozialismus durch die völlige Niederwerfung der Reaktion endlich, endlich die Bahn frei zu machen!“
Am 17., 18. und 19. März kam es zu bewaffneten Kämpfen.
Am 17. März zählte die 1. Volkswehrarmee, die sich nach Kämpfen auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf versammelt hatten etwa 5.000 Mann. Damit wurde ein ernsthafter Versuch unternommen, den sich bei Eisenach versammelten Kräften der Reichswehr entgegen zu stellen.

Am 19. März, so ist aus dem Studium der Ereignisse jener Tage aus den Geschichtsbüchern zu entnehmen, trafen sich in Kassel Offiziere der Reichswehr und Vertreter der damals schon wieder im Amt befindlichen Reichsregierung unter Führung der SPD, um zu verabreden, wie „der in Thüringen herrschende Aufruhr bewaffneter Banden, die raubend und plündernd das Land durchzögen“, beendet werden könnte.
Am 21. März 1920 begann der Vormarsch auf Gotha. Die einheitliche Streikfront begann durch das Ausscheren einzelner SPD und USPD - Vertreter bereits zu bröckeln. Am 23. März löste sich der Gothaer Vollzugsrat auf. Am 25. 03. zog die Reichswehr, ohne auf Widerstand zu stoßen in Gotha ein. In Arnstadt 2 Tage später und wieder 2 Tage später, am 29. in Ilmenau.

Was folgte war eine gegen Aktivisten und Funktionäre der Arbeiterbewegung gerichtete aggressive, auf Abrechnung drängende Stimmung, die in offene Lynchjustiz überging. Dutzende wurden ermordet. Es genügte in vielen Fällen, so ist überliefert, dass einer nur einmal in einer Versammlung das Wort ergriffen hatte oder sonst als Vertrauensperson in der Arbeiterschaft galt, und schon, so wird der USPD Landtagsabgeordnete Wiegleb zitiert,  wurde er ergriffen und zur Schlachtbank geführt.

Was bleibt, liebe Freunde, ist die Erkenntnis, dass in einer entscheidenden Stunde der jungen Demokratie in Deutschland vor allem die Arbeiterklasse diese Demokratie verteidigt hat und die Feinde dieser Demokratie im rechten Lager gestanden haben. Es waren rechtsgerichtete Militärs aber auch Zivilisten, die die junge Demokratie beinahe in einen Bürgerkrieg getrieben hätten. Die Arbeiterschaft war nicht gewillt, sich rechten Militärs und ehemaligen Monarchisten zu unterwerfen.
Wir wissen aber auch, aus dem was 13 Jahre nach dem Kapp-Putsch geschah, die Machtübernahme der Nazis, dass es bis dahin nur ungenügend gelungen ist Lehren aus diesem Kapitel deutscher Geschichte zu ziehen.

Das ist ein Grund mehr, Faschismus als Verbrechen zu geißeln. Es ist aber auch ein Grund mehr, noch wachsamer sich gegen alle Versuche zu wehren, die rechtsgerichtetes Gedankengut, Menschenverachtung, Leugnung des Holocaust in die Gesellschaft hineintragen wollen.
Ich will es hier klar sagen: Die NPD gehört verboten! Sofort!
Genauso deutlich will ich aber auch sagen: das allein genügt nicht! Es muss auch der braune Geist aus der Gesellschaft verschwinden. Er darf keine Chance haben, jemals wieder in die Köpfe der Menschen einzuziehen.
Es ist schlimm, dass in Marlishausen ein zweiter Anlaufpunkt für junge und alte Nazis sich im Aufbau befindet. Es ist gut, dass es dagegen Widerstand vor allem in der Gemeinde gibt.
Schlecht ist, und das will ich hier deutlich sagen, dass im Landratsamt durch Nachlässigkeit einem solchen Ansinnen Vorschub geleistet worden ist.
Das darf nicht passieren!

Das ist eine Lehre, an die ich bei der heutigen Ehrung der Märzgefallenen erinnern will.

Eine zweite Lehre ist, dass wir das was damals war nicht vergessen und das wir es für die junge und künftige Generationen als Erinnerung und Mahnung aufbewahren. Wir leisten heute an diesem Ehrenmal dazu einen wichtigen Beitrag.

Und eine dritte Lehre, die ich für mich ziehe ist, liebe Genossinnen und Genossen, verehrte Anwesende, ist: Wir müssen uns noch intensiver mit der Geschichte befassen. Man muss seine Wurzeln kennen und diese auch erlebbar machen. Eine der Wurzeln ist die Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhundert hier in unserer Heimat.
Wilhelm Bärwinkel, ist eine der Personen jener Zeit auf die ich aufmerksam machen will. Arnstädter. USPD - Mitglied. Gewerkschafter, Landtagsabgeordneter in Schwarzbug - Sondershausen. 1918/19 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates hier in Arnstadt. Nach dem Krieg übrigens, 1945, der erste Landrat im Landkreis Arnstadt, heute Ilm-Kreis.
Es ist klar, warum ich den nenne.
Aber nicht nur deshalb. Dieser Wilhelm Bärwinkel hat am 1. Mai 1912 auf dem Langen Berg, unter Ausnutzung der Thüringer Kleinstaaterei, dort verlief die Grenze von 2 Fürstentümern, auf der Seite von Schwarzburg - Rudolstadt eine Mairede gehalten. Seine Zuhörer standen auf der Seite von Schwarzburg - Sondershausen. Dort war die Reaktion zu Hause. Denen wurde ein Schnippchen geschlagen.
An diesem 1. Mai wollen wir an dieses Ereignis von vor 100 Jahren erinnern. Ich lade Euch schon mal recht herzlich dazu ein.

Vielen Dank!