Interview Petra Enders Landtagsabgeordnete der Linken und neue Landrätin im Ilmkreis

Frau Enders, was ist das Erfolgsgeheimnis, mit dem Sie der CDU die Bastion Ilmkreis abgejagt haben?

Ich habe mit einem Programm geworben, das die Bürgern wollten. So habe ich auf direkte Demokratie, Bürgerbeteiligung und Offenheit gesetzt. In Großbreitenbach praktizieren wir das bereits mit einem Bürgerhaushalt. Für den Ilmkreis plane ich jetzt ein bürgernahes Dienstleistungszentrum. Ich habe aber auch auf das Thema Bildung gesetzt und für die Gemeinschaftsschule geworben. Zudem setze ich mich seit langem dafür ein, dass die Hochspannungstrasse durch den Thüringer Wald nicht gebaut wird.

Sie gelten als „Miss 380 Kilovolt“...

...Jeanne d‘Arc gefällt mir besser.

Auf jeden Fall sind Sie das Gesicht des Widerstands gegen die Starkstromtrasse. War das ausschlaggebend für Ihren Wahlsieg?

Das war schon ein wichtiger Punkt. Ich habe das in meiner Arbeit als Bürgermeisterin in Großbreitenbach und als Landtagsabgeordnete gelebt. Das ist authentisch. Das nehmen einem die Bürgerinnen und Bürger dann auch ab.

Bisher hat der Kreistag lediglich eine Gemeinschaftsschule im Ilmkreis erlaubt. Werden es nun mehr?

Ich rechne damit, dass die beiden abgelehnten Anträge von Großbreitenbach und Gräfenroda in nächster Zeit wieder in den Kreistag eingebracht werden. Wenn der Wunsch von den Eltern besteht, dann stelle ich mich als Landrätin nicht dagegen. Im Gegenteil. Ich werde das unterstützen und forcieren. Der Kreistag muss die Entscheidungen, die Bürgerinnen und Bürger treffen, anerkennen.

Sehen Sie in den Erfolgen der Linken bei den Landratswahlen ein Vorzeichen für einen Machtwechsel im Land?

Ich denke, die Leute wollen Veränderungen. Sie wollen eine andere Politik, eine Aufbruchstimmung. Es geht um mehr Mitbestimmung, das habe ich immer wieder gehört. Linke haben sich in der Vergangenheit vielerorts bereits als Bürgermeister bewährt. Das haben die Wähler jetzt honoriert. Ich denke schon, dass das Auswirkungen auf die Politik in Land und Bund haben kann.

Ein Bürgerhaushalt, wie es ihn in Großbreitenbach gibt: Ist so etwas auch auf Kreisebene denkbar?

Ich kann mir das vorstellen. Ich möchte keine Politik im stillen Kämmerlein machen, das gefällt mir nicht. Alle Fakten gehören auf den Tisch. Deshalb kann ich mir auch vorstellen, dass über das Schulnetz im Landkreis von den Bürgern diskutiert wird. Nur so können wir etwas gegen die Politikverdrossenheit tun.

Und dann wird das Schulnetz mittels Bürgerentscheid beschlossen?

Dazu müsste man prüfen, ob das die Thüringer Kommunalordnung erlaubt. Ich persönlich könnte damit gut leben. Was auf jeden Fall geht, wäre eine Bürgerbefragung. Das haben wir in Großbreitenbach wiederholt gemacht. Und das Ergebnis hat der Stadtrat dann natürlich ernst genommen.

Wie wichtig für Ihren Wahlerfolg war die Unterstützung von SPD und Grünen?

Schon im ersten Wahlgang gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU-Landrat Benno Kaufhold und mir. Das war schon sehr positiv für mich. Aber natürlich habe ich mich gefreut über die Unterstützung von Grünen-Kandidatin Madeleine Henfling und den entsprechenden Aufruf der SPD vor der Stichwahl. Dafür habe ich mich anschließend auch bedankt, genauso wie ich allen meinen Wählern danke für ihren großen Vertrauensbonus.

Ist die Zusammenarbeit von Rot-Rot-Grün wie im Ilmkreis ein Modell für die Landtagswahl 2014?

Es kommt darauf an, ob man sich über Inhalte verständigen kann. Mir geht es nicht um Macht um der Macht willen, so wie es CDU-Politik ist. Wenn man sich wirklich auf gleiche politische Inhalte und Schwerpunkte verständigen kann, dann kann ich mir das auch für 2014 vorstellen. Was nicht funktioniert ist das, was wir gerade in Thüringen erleben. Wenn sich mit CDU und SPD zwei Partner zusammenschließen, bei denen es vorne und hinten nicht passt. Es kriselt doch ständig. Die grundsätzlichen Positionen sind einfach zu unterschiedlich. Und die Kompromisse, die deshalb geschlossen werden, sind oftmals faul.

Ist es eigentlich Zufall, dass ausschließlich Frauen für die Linke die ersten Landratsämter eroberten?

Es gab halt mutige Frauen, die gesagt haben, dass sie sich dieser Verantwortung stellen. Für die Frauen war der Wahltag ein guter Tag. Und wir freuen uns, dass nun Frauen in führenden Positionen stehen und ihre Politik machen können.

Die Linke fordert seit langem eine große Kreisreform. Werden Sie jetzt dafür sorgen, dass der Ilmkreis abgeschafft wird?

Die Linke diskutiert seit langem über eine Verwaltungs-, Gebiets- und Funktionalreform. Das muss man im Zusammenhang sehen. Dazu gehört die Abschaffung des Landesverwaltungsamtes die Neuverteilung der Aufgaben und eben auch die Errichtung von Regionalkreisen. Das ist ein in sich geschlossenes Modell und funktioniert nur im Zusammenhang.

Wenn dieser Zusammenhang hergestellt ist: Wird dann, vielleicht bei der nächsten Wahl 2018, der Ilmkreis aufgelöst?

Jetzt bin ich erst einmal Landrätin des Ilmkreises und allein daran denke ich. Wir haben viele kreiseigene Unternehmen, die ihre Arbeit erfolgreich fortführen sollen. Ich möchte mit den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam etwas voranbringen. Ich habe Respekt vor der Arbeit, aber ich freue mich auch darauf.

2009 vor der Landtagswahl haben Sie die Linken auf einen hinteren Listenplatz abgeschoben. Nehmen Sie das der Partei noch übel?

Diese Entscheidung der Delegierten beim Parteitag musste ich respektieren, so ist das bei Wahlen. Aber dann hatte ich als Direktkandidatin im Ilmkreis das beste Ergebnis aller Links-Bewerber in Thüringen. Am Schluss haben also die Wählerinnen und Wähler entschieden. Ohnehin stehen für mich Inhalte und Sacharbeit im Vordergrund. Da streite ich dann auch bis zum letzten, wie bei der 380-kV-Leitung. Da bin ich konsequent. Parteipolitik dagegen steht bei mir ganz hinten an.

Sie sind bisher kein Mitglied der Linken. Wollen Sie nach Ihrem Wahlsieg nun eintreten?

Für mich ist das kein Widerspruch. Ich vertrete viele Positionen der Linken, etwa beim Sozialen oder bei der direkten Demokratie. Das hat sich aus meinem Leben ergeben. Aber eine Mitgliedschaft lasse ich mir auch jetzt nicht vorschreiben.